Aus den Gedanken des gestrigen "Posts" könnten Nicht-Insider leicht schließen, unsere Berufung sei etwas rein Innerliches, was nur die Haltung betrifft. Aber jeder, der etwas Lebenserfahrung hat, weiß, dass eine innere Haltung, auch wenn sie noch so edel ist, mit der Zeit zerbröckelt, wenn sie keinen Ausdruck, keinen Rahmen, keinen Raum im Alltag findet. In unseren Klöstern stellen wir sozusagen den Rahmen für diesen Ausdruck bereit und versuchen, uns gegenseitig zu stützen.
Ganz grob sei der "Rahmen" hier vorgestellt: Wir leben in Gemeinschaft und unser Alltag spielt sich in einem Rhythmus von Gebet und Arbeit ab. Gebet – das bedeutet im klösterlichen Rhythmus Eucharistiefeier, Offizium (Gotteslob), Lectio Divina, Eucharistische Anbetung. Von diesen vier "Gebetssäulen" möchte ich hier besonders die Eucharistische Anbetung herausgreifen, weil sie für uns charakteristisch ist. Konkret ist sie so geregelt, dass jede Schwester täglich eine bestimmte Zeit für die Anbetung frei ist. Wenn die Anzahl der Schwestern es erlaubt, findet die Anbetung rund um die Uhr oder wenigstens tagsüber statt, so dass immer jemand in der Kapelle vor dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn da ist. In allen unseren Klöstern wird überdies jeden Donnerstag das Allerheiligste ausgesetzt, aber die Anbetung als solche findet auch sonst, ohne Aussetzung, statt. Außerdem hat jede Schwester von Zeit zu Zeit ihren "Reparationstag". Wenn es zahlenmäßig geht, ist jeden Tag eine Schwester dran. In manchen Klöstern verbringt sie einen Vormittag, in anderen den ganzen Tag in Gebet und Anbetung. An diesem Tag soll die Schwester sich ganz bewusst in das Paschamysterium Jesu hineingeben, mit ihm verbunden sein, auch für Menschen, die dies aus den verschiedensten Gründen nicht können.
Das ist, ganz grob, der Rahmen, der uns helfen soll, dem Geist in unserem Leben wirklich Raum zu geben – und ihm diesen Raum nicht wieder zu nehmen. Aber er hat nur einen Sinn, wenn die Berufung darin wirklich lebendig bleibt und es immer wieder wird, falls sie erlahmt ist.
Sr. Mirijam Schaeidt, Trier
Nur Mut!
Texte über Mechtilde de Bar und ihre Spiritualität, über das Ordensleben allgemein, etc.
"Courage! Nur Mut!", sprach und schrieb Mechtilde oft ihren Mitschwestern zu, sowie den Menschen, die ihr ihre Sorgen und Unruhen anvertrauten. Für ein Leben, das Gott so kompromisslos einlässt, wie Mechtilde es tat, braucht es wirklich Mut. Gegenseitig ermutigen möchten wir uns auch in diesem Blog und hoffen, dass auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, sich auf ihrem Weg mit Gott ermutigt fühlen.
Samstag, 7. Mai 2011
Freitag, 6. Mai 2011
Grundsätzliches in einfachen Worten
Wie soll man eine Spiritualität vorstellen, "erklären"? Das ist immer heikel, und solche Erklärungen wirken leicht etwas konstruiert. Was ist überhaupt Spiritualität? Können wir "eine Spiritualität leben" wie wir eine Sprache beherrschen, ein Instrument spielen, eine Arbeit verrichten oder uns an den Leitfaden einer Firma halten? Nein, eben nicht. Wir können nur dem Geist Gottes in uns Raum lassen. Dem Geist Raum lassen... dem verborgenen Leben Jesu in uns Raum und Perspektive geben... Wie man es auch nennen mag – es gibt dann doch sehr viele mögliche Formen, dies zu tun: so viele, wie es Menschen gibt. Und es gibt Menschen, die sich in ihrer Art, dies zu tun, etwas ähneln und sich daher zusammenfinden. Vielleicht sind auch die Räume (Charaktere, Lebensumstände, Kräfte und Schwächen), die der Geist in ihnen ausfüllt, ähnlich. Vielleicht auch nicht. Aber irgendeine Änlichkeit meinen wir wohl mit dem etwas künstlichen Begriff "Spiritualität", wenn wir typische Merkmale einer religiösen Gruppe umschreiben. Eigentlich sind es Aspekte des Lebens Jesu, wenn wir es christlich verstehen. Es ist jedenfalls ein großer Reichtum für die Kirche, wenn sich solche Gruppen bilden, die eine bestimmte Nuance aus dem Leben Jesu Christi zum Klingen bringen.
Ich möchte mit wenigen einfachen Worten über unsere "Gruppe" reden: die Benediktinerinnen vom Hlst. Sakrament. Nun gibt es unter uns natürlich schon große Unterschiede. Jede würde wohl etwas Anderes über "unsere Spiritualität" erzählen. Aber wir alle berufen uns – grundsätzlich – auf Benedikt von Nursia und Mechtilde de Bar und deren Art, dem Geist Raum zu geben.
Wie geben wir dem Geist Raum? Was ist für uns das Wesentliche, die Mitte unserer Berufung? Die Mitte unserer Berufung ist das, was für alle Christen die Mitte ist – selbst wenn sie sich nicht darum kümmern: Gott, der die Liebe ist. In der Taufe hat er uns seine schönste Liebeserklärung geschenkt, als Überschrift, Grundlage und Ziel unseres ganzen Lebens. Über Liebe kann man natürlich sehr verschiedene Ansichten haben. Niemand kann sie wirklich "erklären" (genauso wenig wie "Spiritualität" übrigens). Dennoch ahnen wir Menschen ganz tief in unserem Innern, was Liebe ist: etwas durch und durch Positives, das mit Leben zu tun hat, mit Freiheit, mit Hingabe, mit Aufatmen, mit Wachsen, mit Gemeinschaft, mit... ach, wenn wir es sagen könnten! Auf jeden Fall ist sie Ausgangs- und Zielpunkt unserer tiefsten Sehnsucht – und das, was uns von einem Atemzug zum nächsten führt. Wenn Liebe fehlt, stockt der Atem. Dann empfangen wir nichts und geben nichts, wir sind starr und tot. Und: Liebe kann nur PERSON sein. Eine unpersönliche Liebe gibt es nicht.
Gott ist die Liebe. Das glauben wir. Und weil er die Liebe ist, ist er Geschenk, Hingabe, Bewegung, Leben. Er begüngt sich nicht mit "Liebeserklärungen" aus der Höhe, sondern möchte uns ganz nahe sein, auf Augenhöhe. Mensch unter uns. Fleisch und Blut in uns. In Jesus Christus hat er diesen Wunsch, diese Sehnsucht, bei uns zu sein, auf den Weg zur Erfüllung gebracht, indem er Mensch geworden ist. Nicht nur für 33 Jahre! Sicher, Mensch sein kann man nur einmal und nur für eine begrenzte Zeit, sonst stimmt's nicht – aber: In der Eucharistie geht Jesus ganz in Deinen menschlichen Leib und in Dein konkretes Leben ein. Hier und heute und nicht weniger liebevoll und leibhaftig als damals vor mehr als 2000 Jahren. Er möchte teilnehmen an Deinem Leben, auch am Dunklen und Leidvollen darin, bis in den Tod hinein. Er hat ihn wirklich nicht ausgelassen. Damals nicht und heute nicht, bei keinem Menschen, der leidet und stirbt. Jesus geht mit.
Gott bietet uns in Jesus Christus seine Freundschaft an und nimmt uns mit auf seinem Osterweg durch den Tod in die Auferstehung. Das ist seine Art, der Liebe zu uns Raum zu geben in dieser Welt – und mit uns zusammen über sie hinaus, in die dreifaltige Weite Gottes hinein, in der alles Bewegung, Hingabe, Geben und Empfangen ist. Was ich hier mit knappen Worten schreibe – Mensch, es ist unvorstellbar! Eine solche Liebe muss beantwortet werden! Wer sich ihr aussetzt und sie aushält, wenn sie ihn trifft, kann fast nicht anders als anbetend zu staunen und sich ihr hinzugeben. Und nicht zu vergessen: Diese getroffene Person wird – bei allen Grenzen, die ihr noch bleiben – am Leben der Mitmenschen teilnehmen, auch in den Schattenseiten und bis in Tiefen hinein, die dem alltäglichen Bewusstsein normalerweise nicht präsent sind. „Compassion“ nennt man das heute gern, das meint „Mitleiden“ im besten Sinn des Wortes. Denn Gottes Liebe kann nicht anders als teilnehmen, und wer sich von ihr treffen lässt, ebenso. Auch wenn man's nach außen nicht sieht.
Gottes Liebe steigt mit uns in unseren tiefsten Nullpunkt hinab, wo wir nichts mehr vormachen und nichts mehr vorweisen können. Sie hebt uns von dort her auf eine neue Ebene: eine Ebene, auf der die Frage, ob wir satt und glücklich sind oder nicht, nicht mehr die erste Geige spielt. Gottes inkarnierte Liebe hebt uns auf eine neue Ebene, auf der etwas Anderes gilt: der Klang dieser Liebe Gottes in unserem Leben – für andere. Wie? Durch anbetende Antwort, durch Anteilnahme, durch Barmherzigkeit, durch tägliche Gemeinschaft mit dieser unendlichen Liebe, die den Mangel an Liebe in dieser Welt ausgleicht; durch das stellvertretende Antworten für Menschen, die noch nichts von ihr ahnen; durch das „Ertragen“ dieser Liebe im Alltag, wenn sie uns in manche Bedrängnis bringt... Und durch Zuhören. "Seid barmherzig, wie es auch euer Vater ist." (Lk 6,36)
Deswegen war dem hl. Benedikt die Gastfreundschaft so wichtig: weil sie etwas von Gottes Liebe zu den Menschen zum Klingen bringt, indem sie an ihrem Leben teilnimmt. Und Mechtilde macht uns darauf aufmerksam, wie weit diese Teilnahme gehen kann; sie sagt uns, dass Gottes Liebe wirklich manches Kaputte in dieser Welt, in den Herzen der Menschen, „reparieren“ kann, wenn sie ein Echo in einem offenen, vertrauenden Herzen findet. Dieses Echo bleibt nicht ohne weiteres Echo – Schallwellen, die sich unserem Zugriff und unserer Kontrolle entziehen und in manche verstummte Wüsten gelangen können. Diese "Schallwellen" – oder Gnadenströme, wie Sie wollen – haben die Kraft, Menschen zu treffen, wie sie uns getroffen haben. Verwundete, innerlich verstummte Menschen merken plötzlich auf und erahnen unerwartet neues Heil, das von Gott kommt... „Repariert“ wird ihre Freiheit, ihre Liebesfähigkeit, ihre Beziehung zum Urheber des Lebens – die Ehre Gottes, die dieser Mensch ist, um es mit Irenäus von Lyon zu sagen. Der lebendige Mensch, der beginnt, Gott zu erahnen.
Sr. Mirijam Schaeidt, Trier
Sr. Mirijam Schaeidt, Trier
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